Wie das passiert
Niemand entscheidet sich eines Tages, die eigenen Wünsche nicht mehr zu kennen. Es passiert schrittweise, und jeder einzelne Schritt ist vernünftig. Du übernimmst die Aufgabe, weil sie ansteht. Du bleibst, weil es gerade schlecht passt zu gehen. Du machst die Weiterbildung, die im Lebenslauf Sinn ergibt.
Nach ein paar Jahren hast du eine Laufbahn, die von aussen stimmig aussieht, und innen die Frage, wie du eigentlich hier gelandet bist.
Warum die Frage so schwer zu beantworten ist
Wer sich lange nach fremden Erwartungen ausrichtet, wird darin sehr gut. Das ist keine Schwäche, das ist eine Fähigkeit. Sie hat nur einen Preis: das Instrument, mit dem du fremde Erwartungen liest, ist feiner geschliffen als das für deine eigenen.
Deshalb hilft die Frage „was willst du wirklich“ so selten weiter. Sie verlangt eine Antwort aus einem Instrument, das lange nicht benutzt wurde.
Schritt 1: Beschreib einen Tag, nicht ein Ziel
Ziele klingen schnell nach dem, was man haben sollte. Ein Tag lässt sich schwerer fälschen. Beschreib einen ganz gewöhnlichen Arbeitstag in einem Jahr, wenn es gut läuft. Wann stehst du auf, womit fängst du an, mit wem sprichst du, wann ist Schluss.
Schritt 2: Trenne, wessen Massstab das ist
Geh die Beschreibung durch und markiere jeden Punkt: kommt der von dir, oder hast du ihn übernommen. Von Eltern, von der Branche, von einer Chefin, die du bewundert hast.
Es geht nicht darum, Übernommenes wegzuwerfen. Vieles davon ist gut. Es geht darum, es zu erkennen, damit du wählen kannst.
Schritt 3: Streich eines
Nimm ein Ziel, das nicht deins ist, und streich es. Nur eines. Das ist unangenehmer, als es klingt, und genau deshalb wirksam. Du machst die Erfahrung, dass du entscheiden darfst.
Schritt 4: Prüf es mit einer Frage
Bei jedem, was übrig bleibt: wenn niemand je davon erfährt, will ich es dann immer noch. Was diese Frage übersteht, ist ziemlich sicher deins.
Was du mit der Antwort machst
Sag sie einer Person. Nicht als Ankündigung, sondern als Satz: das ist es, was ich will. Solange eine Richtung nur in deinem Kopf existiert, bleibt sie verhandelbar.
Und rechne damit, dass die Antwort sich ändert. Das ist kein Zeichen, dass du sie falsch gefunden hast. Es ist ein Zeichen, dass du sie überhaupt gesucht hast.